Gesprächskultur

Eingabe - Zeitpunkt des Ersten Zyklus: August 2022

 

 

Punkt 1 bis 6

 

 

Film: Der Club der toten Dichter. Perspektiv-Wechsel.

 

 

 

 

 

Man kann auf seinem Standpunkt stehen,

aber man sollte nicht darauf sitzen.

 Erich Kästner

 

 

 

 

 

 

1

 

Relevanz und Kernthesen

 

 

◙ Relevanz

Zur conditio humana zählt fundamental

unsere Sprachfähigkeit.

Jeu de mots:

Voraussetzung für den Dialog der Kulturen

ist die Kultur des Dialogs.

 

 

◙ Kernthesen

  Die drei Ebenen einer Gesprächskultur

 

Animalische Ebene: Man haut sich Gelaber um die Ohren

und will nur rechthaben. Am liebsten würde man gar nicht reden,

sondern gleich prügeln – das soll sogar schon in

europäischen Parlamenten vorgekommen sein…

 

Menschliche Ebene: Beginn einer Gesprächskultur.

GFK = gewaltfreie Kommunikation.

Man achtet den Andersdenkenden,

redet empathisch, respektvoll und hört sich gut

seine Argumente an und geht auf sie ein.

 

Engel-Ebene: Gehobene Gesprächskultur:

Die Atmosphäre ist von echtem Wohlwollen

getragen - ja wo gibt es denn so etwas?

Es geht zunächst gar nicht ums Rechthaben.

Eigenartige, geheimnisvolle Aura.

Man lockt herbei Intuition, Inspiration

und vielleicht sogar den Heiligen Geist,

falls es ihn gibt, den Geist der Wahrheit.

Kreativität in potenzierter Form.

 

 

 

 

2

 

Ziel

 

Offenheit statt betonköpfige Besserwisserei.

 

Gebildete unterhalten und diskutieren anders:

Mit ihnen lässt sich gut reden, auch dann,

wenn die Meinungen sehr unterschiedlich sind.

Betonköpfigkeit scheint ihnen sogar verhasst zu sein.

Sie haben Respekt vor der subjektiven Wahrheit des anderen,

selbst dann, wenn sie sehr befremdlich ist. Sie bleiben ruhig,

bringen freundlich ihre Argumente vor und halten das Gespräch

im konstruktiven Dialog. „Dia“ heißt dazwischen:

Die Wahrheit liegt praktisch immer zwischen uns.

Man kann auf seinem Standpunkt stehen,

aber man sollte nicht darauf sitzen (E. Kästner).

 

 

 

 

3

 

Animalische Ebene

 

Ist es nicht peinlich, wie die Teilnehmer von Talkshows

sich nicht zuhören, sich gegenseitig unterbrechen,

unanständig lange reden, aneinander vorbeireden

und Antworten geben, die überhaupt nicht zur Frage passen.

Was soll man tun, wenn das begleitende emotionale

Engagement bei den Teilnehmern zu hochsteigt?

Viele haben Angst. Die Lage ist unübersichtlich.

Das Aushalten-Müssen vieler Alternativ-Meinungen beunruhigt.

Hier wäre ein Mediatoren-Journalismus sehr willkommen,

der auch extreme Ansichten zulässt und nüchtern kommentiert.

Die Gesprächskultur geht nämlich verloren,

wenn die Teilnehmer zu emotional werden,

Äußerungen persönlich nehmen

und die Fronten sich verhärten.

Dann wird aus Dialog ein „Diabolog“,

wie es häufig bei den Coronadiskussionen passierte.

Das Vermeiden einer emotionalen Eskalation ist fundamental,

denn wenn ein gewisser Schwellenwert

an emotionaler Aufladung überschritten ist

und die Diskutanten nur noch dampfende Komposthaufen

von Affekten sind, stehen alle Synapsen auf rot

und man möchte sich nur noch in Urlauten äußern.

 

Unglück heißt meist:

Nicht mehr miteinander reden können (P. Watzlawick).

 

 

 

 

4

 

Menschliche Ebene

 

Prämisse: Die Subjektivität von Wahrheiten:

 

Der deutsche Soziologe N. Luhmann sagte:

Gelungene Kommunikation ist die Ausnahme.

Warum denn zum Kuckuck?

Weil sich subjektive Wahrheiten so objektiv anfühlen.

Sehr wahrscheinlich sind sie subjektiv auch nicht falsch,

denn man hat es ja selbst erlebt.

Die Frage ist, ob das subjektiv Erfahrene vollständig

und repräsentativ ist. Andere können ja tatsächlich

andere Erfahrungen gemacht haben.

Noch komplizierter wird es, wenn man weiß,

dass gleiche äußere Erlebnisse

sehr unterschiedlich wahrgenommen werden.

Typologien (besonders das Enneagramm) zeigen schön,

dass durch den Fokus der Aufmerksamkeit Ereignisse

verblüffend unterschiedlich aufgefasst werden können.

Eine kluge Dialogfloskel ist daher:

Interessant ist deine Wahrnehmung, aber das entspricht

nicht meiner Erfahrung – ich habe anderes erlebt.

Kurz: Gebildete wissen, dass ihre Wahrheit subjektiv ist

und die objektive Wahrheit irgendwo

zwischen allen Beteiligten liegt.

Viele Stimmen machen die Wahrheit

und in (dialogisch-konstruktiven) Gesprächen

nähert man sich mehr und mehr der „objektiven“ Wahrheit.

Freilich wird diese wohl nie erreicht,

da die Realität zu komplex ist.

 

(Mini-Exkurs: Wir wollen die objektive Wahrheit,

haben aber nur einen begrenzten

Erkenntnisapparat mit 6 Sinnen.

Wir haben z. B. nicht eine Infrarot-Wahrnehmung wie

die Schlangen, keine Magnet-Wahrnehmung wie die Zugvögel

und keine Ultraschall-Wahrnehmung wie die Fledermäuse.

Und jetzt kommt es: Die Dinge hören nicht auf Eigenschaften

zu haben, nur weil wir dafür keine Sinne haben.

Um das Wesen der Dinge zu erfassen,

braucht es nicht-sinnliche, technisch-apparative Forschung.)

 

Der ärgste Feind der Wahrheit ist also die zu starre Überzeugung,

sie zu kennen. Wahrheitssuche ist und bleibt

immer essayistisch – ewige Baustelle.

Die großen Lebensrätsel sollen wir nicht lösen, sondern lieben!

Es genügt, der Wahrheit auf der Spur zu bleiben

und sich munter emporzuirren.

Wer beim Zuhören spürt, wie er sich selbst verschließt

und versteift, der ermahne sich:

Ich will jetzt verstehen, wie der andere auf seine

„Wahnsinns-Meinung“ gekommen ist!

Dialog ist nur dann wirklich ergiebig, wenn man bereit ist,

seine eigenen Grundüberzeugungen zu hinterfragen,

denn wer nur seinen Erwartungen folgt,

ist in Gefahr, nie etwas anderes zu erfahren als er bereits weiß.

Der andere sieht einfach nur andere Aspekte:

Der Perspektiv-Wechsel ist brillant anschaulich dargestellt

im Film „Der Club der toten Dichter“:

Der Lehrer, klasse gespielt von Robin Williams,

animiert die Schüler, auf das Pult zu steigen

und dadurch einen anderen Blickwinkel einzunehmen.

Ein analoger Grundsatz in der Rechtskunde ist der Satz:

Audiatur et altera pars. =

Auch die andere Seite möge gehört werden.

Etwas schwieriger als zusätzliche Aspekte wahrzunehmen

ist das Eingestehen eines Irrtums: Irren ist menschlich!

Wer seine Irrtümer zugibt, ist menschlich, das ist sympathisch!

Ein charmant eingestandener Irrtum ist

ein errungener Sieg (Karoline Gascoigne).

Zudem: Irrtümer haben Erkenntniswert:

Sie sind ironische Wegweiser zur Wahrheit.

 

 

 

Ein paar Details zum konstruktiven Dialog

 

Haltung: Respekt. Jeder Teilnehmer weiß,

dass seine eigene Meinung subjektiv ist und damit

nur eine Art Schlüsselloch-Sehen sein kann.

Jeder geht daher dem produktiven Verdacht nach,

dass auch andere Recht haben könnten (H.-G. Gadamer).

 

Kompetenz: Gedanken sind nicht stets parat.

Man spricht auch, wenn man keine hat (W. Busch).

Im Zeitalter von fake news:

Ohne Fakten sind Meinungen so etwas Ähnliches wie

Hämorrhoiden des Geistes (H. v. Doderer).

 

Klarheit: Sortierte verständliche Gedankenführung:

Es ist durchaus eine Kunst, Schweres leicht zu sagen.

Die Schlichtheit der Sprache ist das Siegel

der Glaubwürdigkeit (J. Pieper).

Nenne das Runde rund und das Eckige eckig (Konfuzius).

Philosophen haben ausgezeichnete Ideen,

dass es ein Jammer ist, wenn sie sich

aufgrund einer unverständlichen Sprache

ins akademische Nirwana katapultieren.

 

Narzissmus: Mitunter sind die Blitzgescheiten einfach nur eitel,

sprechen absichtlich unanschaulich und unverständlich,

weil sie lieber angestaunt als verstanden werden wollen.

 

Verbale Inkontinenz: Keiner möge zu viel reden:

Die größte Plage für ein kluges Ohr ist ein geschwätziger Tor.

Es ist leichter, mit einem Tier befreundet zu sein,

als mit einem Schwätzer. Jesus vergaß eine Seligpreisung

– oder der Evangelist hörte nicht zu:

Selig, die die Klappe halten und zuhören,

denn sie werden neue Perspektiven kennen lernen.

 

Machtgefälle: Ganz ungünstig: Nur beim Dialog

auf gleicher Augenhöhe traut sich jeder,

offen und ehrlich zu sagen, was er denkt.

Äußerst schädlich für gleichberechtigten Austausch sind

Alpha-Typen, Machos, Narzissten.

Wenn Simplifizierer ihre einseitigen Ansichten auch noch mit

Gewalt durchsetzen wollen, sind sie sogar eine regelrechte Pest.

 

Aktiv zuhören und auf ein Argument wirklich eingehen:

Nur so kann es zu Fortschritten in der Sache kommen.

 

 

 

 

 

5

 

Engel-Ebene

 

jetzt wird es heftig

 

Gehobene Gesprächskultur

Buber und Bohm

 

Weit ging Martin Buber mit seinem Begriff

der dialogischen Existenz: Die Begegnung sei

die Urkategorie der menschlichen Wirklichkeit.

Buber definiert den Menschen als das

„gegenüber seiende“ Wesen.

Er behauptet, es gäbe kein Ich an sich,

sondern nur im Hinblick auf ein Du.

Nur im personalen Angesprochen-Sein gewinnt das Ich

Fülle, Ernst und Authentizität.

 

David Bohm (ca. 1950) war Philosoph und ein Physiker,

von dem Einstein sagte, dass er der Einzige sei,

der über die Quantentheorie hinauskommen könne.

Bohm war aber auch Philosoph und er schrieb das Buch

„Der Dialog“, den Klassiker der gehobenen Gesprächskultur:

Die Verbindung zwischen Quantenphysik und Dialog ist

– soweit ich das richtig verstehe – der „Feldbegriff“,

eine Art schöpferischer Raum oder ein geistiges Seelenfeld.

Ich weiß, das klingt etwas eso, aber Bohm spinnt nicht,

er ist uns nur weit überlegen. Ich gebe zu,

dass ich Bohm höchstens in Ansätzen verstanden habe

und versuche es, mit einfachen Worten weiterzugeben:

Dialog enthält die Silbe „dia“. Das heißt „zwischen“.

Die Wahrheit liegt zwischen uns.

Dabei ist die Wahrheit nicht bloß die Summe der subjektiven

Wahrheiten der Einzelnen – es sind ja nicht alle da –

sondern noch eine Stufe höher:

Den „objektiven“ Wahrheitsraum wollen wir erschließen.

Jetzt werden sie staunen: Im Bohm´schen Dialog

wird weder diskutiert noch argumentiert! Noch verblüffender:

Man geht noch nicht mal auf den Inhalt des Vorredners ein.

Damit hat es Ähnlichkeit mit dem Brainstorming,

in dem man sich zunächst nur mit relevanten Aspekten inkubiert.

Das Entscheidende ist noch etwas anderes:

Die Haltung ist besonders offen und wohlwollend.

 

Mini-Exkurs: Das moralische Moment:

Wie schwer ist doch das Beibehalten von

Respekt und Wohlwollen, wenn andere eine

von einem selbst sehr abweichende Meinung haben.

Dialog ist intellektuelle Nächstenliebe mit dem Versuch,

fremdes Denken zu verstehen (C. F. v. Weizsäcker).

Wohlwollendes Diskutieren wurde in

Klöstern und Orden kultiviert:

Brüderliche Kritik = correctio fraterna (Thomas von Aquin).

Liebevolle Kritik = correctio cum caritate.

Man bedenke: Der andere hat sogar das Recht auf eine

objektiv irrige Meinung, solange er andere damit nicht schädigt.

 

Bei der Gesprächskultur nach Buber und Bohm besteht

also kein Gegeneinander, sondern ein bewusstes Miteinander,

wodurch die Wahrheitsfindung irgendwie getriggert wird.

Es geht überhaupt nicht ums Rechthaben, sondern darum,

in eine geheimnisvolle Resonanz zu kommen,

um das Feld der Wahrheit „anzuzapfen“.

Dieses Gesprächsformat ist also total anders,

als wir es aus Talkrunden kennen, wo man sich gegenseitig

ins Wort fällt und oft persönlich angegriffen fühlt.

Die Bohm´sche Gesprächskultur eröffnet neue Horizonte

und bildet einen Sinn-Fluss, der unter uns, durch uns

hindurch und zwischen uns fließt (D. Bohm).

Im gelungenen Dialog entsteht ein kreatives Kraftfeld,

ein inspirierender, dynamischer Zwischenraum,

eine fast mysteriöse Resonanz, die Einsichten hervorlockt,

die im Schlagabtausch von Streitgesprächen so nicht

zustande kommen. Ziemlich lang verläuft das Gespräch

ergebnisoffen und klug fragende Beiträge sind erwünschter

als vorschnelle Lösungen. Bohm war davon überzeugt,

dass die Etablierung solcher dialogischer Gesprächskreise

auf breiter Front Welt verändernde Kraft besäße.

 

 

Kritik

Wie kommen wir am Ende zu einer konkreten Lösung?

Man braucht doch schlussendlich einen Aktionsplan

(wer macht was wann),

wie modernes Projektmanagement nahelegt.

Hier möchte ich meinen eigenen Senf hinzugeben dürfen:

Es muss wohl zweistufig laufen

und dazwischen möge eine Nacht liegen, in der das

Unbewusste aller Teilnehmer bitte gefälligst mitbrüten möge.

 

Also          Stufe I: Bohm´scher Dialog

                Stufe II: Konstruktive Debatte

und schlussendlich Aktionsplan.

Der Bohm´sche Dialog ist uns völlig ungewohnt.

Ich behaupte, es ist Zukunftsmusik,

für die wir noch viel üben müssen.

Das schwierigste Moment ist wohl das gänzliche Loslassen

der eigenen Meinung, um die fremde Ansicht voll aufzunehmen –

wirklich „ganz Ohr“ sein. Wer kann das schon?

Ich nicht, obwohl ich es probiere. Ist es nicht meist so:

Man hält die eigene Ansicht fest im Vordergrund,

überlegt sich schon die Antwort und kann

darüber gar nicht mehr gut zuhören.

Bevor der andere zu Ende gesprochen hat,

hat man sich bereits Gegenargumente zurechtgelegt.

Wirklich zuhören heißt versuchsweise den Standpunkt

des Dialog-Partners einzunehmen (K. Jaspers),

sich in die Schuhe des anderen stellen (R. Welter-Enderlin),

aus dem Ich heraustreten und an die Tür

des Du klopfen (A. Camus). M. a. W: Um die Perspektive

des anderen 100 %  nachzuvollziehen,

um mit ihm in volle Resonanz zu gelangen,

muss man sich selbst zu 100 % leer machen.

Der Becher muss leer sein,

um etwas aufnehmen zu können (Krishnamurti).

Daran scheitern die meisten, auch ich.

Man muss sehr stark sein, sich so zu öffnen.

Was passiert eigentlich, wenn man „ganz Ohr“ wird?

Es gelangt dann nicht nur eine Information in den Cortex

des Zuhörers, sondern im echt dialogischen Gespräch

kommt etwas an, was fast den Rang einer Erfahrung hat.

Die ist ganzheitlich. Nur der Redner hat sie gemacht,

aber erbringt soviel davon herüber, dass es den Zuhörer bewegt.

(Gute Redner können diesen Moment verstärken,

indem sie eine flammende Rede halten, die Funken sprüht.)

Wer als Zuhörer in Resonanz mitschwingt,

kommt verändert heraus. Solch ein beidseitiger längerer Dialog

– so Buber – erschließt das sonst Unerschlossene.

Es bilden sich bei jedem Teilnehmer schöpferische neue Aspekte,

sodass es in Stufe II sehr konstruktiv zugehen kann,

auch wenn wir uns da wieder wie gewohnt die

Argumente „um die Ohren hauen“. Hierbei wäre es schön,

wenn ein bisschen vom Geist der Stufe I

in die Stufe II schwappen würde!

Nur einer spricht, alle hören sich respektvoll und wohlwollend

die Argumente der anderen an und gehen, wenn sie selbst

daran sind (den Redestab in der Hand halten), darauf ein.

Alle anerkennen die Schönheit der Meinungsvielfalt,

die ja viel besser als Einfalt ist, da sie die Wahrheit

besser einkesselt und hervorkitzelt.

Die Teilnehmer sind selbstreflektiert,

kennen ihren Schatten und wissen,

dass Dominanzstreben und Narzissmus in der Bohm´schen

Gesprächskultur noch schädlicher als Blödheit sind.

Man hält während des Zuhörens die eigene Überzeugung

„in der Schwebe“, eine Formulierung,

die Bohm selbst verwendete.

Beim Anhören neuer Argumente versucht man,

sich nicht angegriffen zu fühlen. Und wenn doch,

wird dies sofort metakommuniziert.

(Metakommunikation bedeutet, dass man über

die Art des miteinander Redens spricht.)

Kommt ein wirklich gutes überzeugendes Argument,

möge man dies ruhig zugeben (interessanter Aspekt,

gravierender Einwand). Fortgeschrittene zeigen sogar ihre Freude,

eine neue Perspektive hinzugewonnen zu haben.

Der wahrhaftige, akademische Mensch unterwirft sich willig

der Logik des besseren Argumentes. Das ist zwar sehr unpopulär,

schafft aber eine bedeutend fruchtbarere Gesprächsatmosphäre:

Bringt man nun sein eigenes Argument,

wird auch der Partner sich nicht verschließen,

fremde Aspekte zu akzeptieren und in sein System zu integrieren.

Kurz: Man ist offen, flexibel, immer bereit,

den Akzent zu verschieben. Wir dürfen zwar eine

vorläufige Meinung, eine Arbeitshypothese haben,

aber bleiben immer revisionsbereit. Ohne Revisionsbereitschaft

sind Überzeugungen Gefängnisse (F. Nietzsche).

Es ist schade, dass es solche Gesprächsrunden

mit gehobener Gesprächskultur viel zu selten gibt.

Wo gibt es denn überhaupt so etwas?

Der Philosoph Christoph Quarch gründete die Akademie 3,

die sich grob durch die antiken Oberwerte Lebendigkeit,

Freiheit, Menschlichkeit und Schönheit

charakterisieren lässt ( → www).

Dort wird dieses Gesprächs-Format zu kultivieren versucht.

 

 

 

6

 

Gesprächs-Kreise

 

Größere Bildungshäuser befinden sich natürlich eher

im groß-urbanen Raum. In Kleinstädten werden diese

Institutionen von den Gebildeten schmerzlich vermisst.

Dafür gedeihen dort private Gesprächskreise, in denen

mehr Geist bewegt wird als beim einsamen Bücherlesen.

Es sind besondere Oasen intellektueller Freiheit

und inspirierender Kreativität.

Man trifft sich z. B. einmal im Monat von 19 bis 21 Uhr.

Jour fixe, nicht am WE und Sommerpause meist zweckmäßig.

Ein Thema kann vereinbart werden.

Jeder kann (nicht muss) etwas mitbringen.

Diese Gesprächskreise werden auch – etwas hausbacken –

Hauskreise genannt oder etwas

aristokratischer Literatur-Kreise.

Auf alle Fälle wird das Smalltalk-Niveau von Kaffeeklatsch-

und Stammtisch-Runden deutlich überschritten.

Der globale Transformationsprozess wird nicht allein

politisch vorangebracht. Es braucht die Basis

und im öffentlichen Raum die Interaktion zwischen beiden.

 

Ich schließe mit einem Zitat von K. Jaspers:

Die Menschen zur Freiheit zu führen,

d. h. sie zum miteinander Reden zu bringen.

 

 

         Ceterum censeo: Munter emporirren!

 

 

 

So long, bis zum nächsten Zyklus, der Pünder