Thanatos

Eingabe – Zeitpunkt  Erster Zyklus: August 2022

 

 

Punkt 1 bis 5

 

 

 

 

 

 

 

 

1

Relevanz und Kernthesen

 

◙ Relevanz:

Das kann jedem mal passieren. Quatsch:

Keiner kommt daran vorbei.

Jeder geht durch die dunkle Wand.  

 

◙ Kernthesen:

Der Tod, dieser elende Spielverderber! Sterben wir ins Nichts?

Sind wir ein Ex und Hopp-Organismus, Biomasse,

die irgendwann nur noch Wurmnahrung ist?

Das Einverständnis mit dem Tod ist der Schlüssel

zur Heiterkeit (K. Kraus). Aber wie lässt sich das umsetzen?

Das Thema hängt natürlich mit dem Thema Glaube und Zweifel

zusammen: Wenn unsere Seele post mortem weiter

existieren sollte, soll sie etwa allein im Jenseits herumhängen?

 

 

 

 

2

Auf der anderen Seite des Weges

S. Holland (1910)

 

Der Tod ist nichts,

ich bin nur in das Zimmer nebenan gegangen.

Ich bin ich, ihr seid Ihr.

Das, was ich für euch war, bin ich immer noch.

 

Gibt mir den Namen, den ihr mir immer gegeben habt.

Sprecht mit mir, wie ihr es immer getan habt.

Gebraucht keine andere Redeweise,

seid nicht feierlich oder traurig.

 

Lacht weiterhin über das,

worüber wir gemeinsam gelacht haben.

Betet, lacht, denkt an mich.

Betet für mich, damit mein Name ausgesprochen wird,

so wie es immer war,

ohne irgendeine besondere Betonung,

ohne die Spur eines Schattens.

 

Das Leben bedeutet das, was es immer war.

Der Faden ist nicht durchschnitten.

Weshalb soll ich nicht mehr in euren Gedanken sein,

nur weil ich nicht mehr in eurem Blickfeld bin?

 

Ich bin nicht weit weg,

nur auf der anderen Seite des Weges.

 

 

 

 

3

Todesstunde

Pierre Teilhard de Chardin

 

Nachdem ich dich als den erkannt habe,

der ein „Mehr-ich-selbst“ ist, lass mich,

wenn meine Stunde gekommen ist,

dich unter der Gestalt jener fremden oder feindlichen Kraft

wiedererkennen, die mich zerstören oder verdrängen will.

Wenn sich an meinem Körper oder an meinem Geist

die Abnutzung des Alters zu zeigen beginnt;

wenn das Übel, das mich mindert oder wegrafft,

mich von außen überfällt oder in mir entsteht;

in dem schmerzlichen Augenblick,

wo es mir plötzlich zum Bewusstsein kommt,

dass ich krank bin und alt werde;

besonders in jenen letzten Augenblicken,

wo ich fühle, dass ich mir selbst entgleite,

ganz ohnmächtig in den Händen der großen

unbekannten Kräfte, die mich geformt haben;

in all diesen düsteren Stunden lass mich,

Herr, verstehen, dass du es bist, der

 – sofern mein Glaube groß genug ist –

unter Schmerzen die Fasern meines Seins zur Seite schiebt,

um bis zum Mark meines Wesens einzudringen

und mich in dich hineinzuziehen.

 

 

 

 

 

4

Besuch im Hospiz

Buddhistischer Autor

 

Wie geht's dir denn heute?, fragen wir, wenn wir einen

Menschen im Krankenhaus besuchen.

Zunächst einmal: Was für eine dumme Frage!

Natürlich geht es ihm schlecht, sonst wäre er

nicht im Krankenhaus, nicht wahr?

Außerdem versetzt diese Floskel den Patienten unter

enormen psychischen Druck. Er fände es unhöflich,

den Besucher mit der Wahrheit zu beunruhigen und zuzugeben,

dass er sich schrecklich fühlt.

Wie kann man jemanden enttäuschen, der weder Zeit

noch Mühe für einen Krankenhausbesuch gescheut hat?

Dem kann man doch nicht sagen, dass man sich elend,

erschöpft und ausgelaugt wie ein alter Teebeutel vorkommt?

Stattdessen fühlt man sich zur Lüge verpflichtet und sagt:

Ich glaube, es geht mir heute schon etwas besser.

Und dann fühlt man sich schuldig, dass man nicht

hart genug daran arbeitet, um gesund zu werden.

Leider sorgen viele Besucher dafür, dass sich mancher

Kranke im Krankenhaus noch ein ganzes Stück elender fühlt!

Eine australische Nonne, die dem tibetischen Buddhismus

angehörte, hatte Krebs und lag sterbend in einem

Hospiz in Perth. Ich kannte sie seit vielen Jahren

und besuchte sie oft. Eines Tages rief sie mich in

meinem Kloster an und bat mich, sie noch am selben

Tag zu besuchen, da sie ihr Ende nahen fühlte.

Also ließ ich alles stehen und liegen und fuhr mit meinem

Fahrer die siebzig Kilometer zu ihrem Hospiz.

Am Empfang teilte mir eine autoritäre Krankenschwester mit,

dass die buddhistische Nonne Anweisungen gegeben habe,

niemanden zu sich zu lassen. Aber ich bin von weither

gekommen, nur um sie zu sehen, erwiderte ich sanft.

Tut mir Leid, bellte die Krankenschwester.

Sie will niemanden sehen, und das müssen wir respektieren. –

Unmöglich, widersprach ich, sie hat mich vor anderthalb

Stunden angerufen und mich gebeten, herzukommen.

Die Krankenschwester funkelte mich an und forderte mich

dann auf, ihr zu folgen. Wir blieben vor dem Zimmer der

australischen Nonne stehen, wo die Krankenschwester

auf ein großes Papierschild deutete, das an die Tür geklebt war:

ABSOLUT KEINE BESUCHER! Sehen Sie!, trompetete die

Krankenschwester triumphierend. Ich sah mir den Zettel

genauer an und entdeckte

drei kleine Worte darunter: ... außer Ajahn Brahm.

Also trat ich ein. Als ich die Nonne fragte,

warum sie den Zettel hatte anbringen lassen, erklärte sie,

dass sie sich immer viel elender fühlte, wenn ihre alten

Freunde kamen und so unglücklich darüber waren, dass sie starb.

Es ist schlimm genug, an Krebs zu sterben, sagte die Nonne,

aber es wird mir einfach zu viel, mich auch noch um die

emotionalen Probleme meiner Besucher kümmern zu müssen.

Ich sei der Einzige, der sie wie ein Mensch behandele und

nicht wie eine Sterbende. Ich erschrak nicht darüber,

wie ausgemergelt sie aussah, sondern erzählte ihr Witze

und brachte sie zum Lachen. Also erzählte ich ihr

eine Stunde lang Witze, während sie mich lehrte,

wie man jemandem beim Sterben hilft. Ich lernte von ihr,

dass man bei Krankenbesuchen mit dem Menschen reden

und es Ärzten und Schwestern überlassen sollte,

über die Krankheit zu sprechen.

Sie starb zwei Tage nach meinem Besuch.

 

 

 

 

5

Sprüche

Fragmente

Impulse für Gesprächskreis

besonders in Senioren-Residenzen,

in denen man dem Sensenmann recht nahe steht.

 

 

1 Das Einverständnis mit dem Tod ist der Schlüssel zur Heiterkeit (K. Kraus). Denn wer Angst vor dem Tod hat, hat Angst vor dem Leben, das ja auf den Tod zuläuft. Wer vor dem Tod flieht, läuft ihm nach (Demokrit).

 

2 Ist der Tod der große Spielverderber des Glücks oder Pforte zum bleibenden Glück? Sind wir Nomaden des Nichts oder Geschöpfe des Lichts? Es ist eine Frage von Glaube und Hoffnung. Sicher ist zunächst nur, dass unsere Glückssehnsucht verblüffend radikal ist und tiefe, tiefe Ewigkeit will (F. Nietzsche). (Das gibt kein Hardliner zu – man will ja kein Weichei sein – trotzdem ist es eines jeden Menschen tiefste Sehnsucht). Im Alter ringt man um das große Vertrauen. Man nähert sich dem Geheimnis schlechthin. Vielleicht gehen wir weniger zugrunde als zum Grunde. Wir dürfen es hoffen. Der Hoffnungsvolle hat Instinkte, Mythen und archetypische Äußerungen des Unbewussten auf seiner Seite.

 

3 Der Tod ist besser als sein Ruf. Die meisten haben keine Angst vor dem Tod, aber vor dem Sterben. An dieser Front verändert sich gerade viel.

 

4 Wer den Tod als Vernichtung deutet, der klammert sich krampfhaft und verkniffen ans Leben und dies bei resignierter Grundstimmung – so lebt es sich schlecht!

 

5 Tod ist ein schwieriges Thema: Daran muss man herumnagen wie ein Welpe an einem Stoffpantoffel.

 

6 Seltsame Veranstaltung: Wir wollen leben, aber müssen sterben. Tod ist die maximale narzisstische Kränkung (S. Freud).

 

7 Beim Sterben gibt es keine Stellvertretung. Letztlich geht jeder mutterseelenallein durch die geheimnisvolle Wand. Vorbeimogeln am Tod ist nicht möglich.

 

8 Ohne eine letzte große Hoffnung lebt niemand wirklich froh. Diese Hoffnung ist stärker als alles Angefressensein von Zweifeln. Nirgendwo nistet so viel Sehnsucht und Hoffnung wie in der Idee des ewigen Lebens. Nur die Ewigkeit ist kein Exil (E. Lasker-Schüler).

 

9 Wenn eine Ehe zu den wirklich guten zählte und der erste Partner stirbt, stellt sich die Jenseitsfrage stechend intensiv. Folgendes Leid ist häufig: Ein Lebenspartner stirbt zuerst. Aufgrund der geschaffenen Gemeinsamkeits-Identität (bei guten Beziehungen) fühlt sich der Hinterbliebene ein Jahr wie eine offene Wunde, eine Art seelischer Phantomschmerz. Der verstorbene Partner würde den Hinterbliebenen aber nicht gerne als ewig trauernden Trümmerhaufen sehen wollen. Man kann den Tod eines geliebten Menschen tief und innig beklagen und doch in Hoffnung und selbst in Heiterkeit weiterleben (T. Fontane).

 

10 Der Trauerprozess der Hinterbliebenen ist nicht linear, sondern schubartig, oft lebenslänglich, aber sich aufzehrend.

 

11 Das Gorilla-Weibchen Koko konnte über 1000 Begriffe gestisch ausdrücken. Auf die Frage, was der Tod sei, sagte sie drei Wörter: Gemütlich, Höhle, auf Wiedersehen.

 

12 Dass Menschen einfach ins Nichts wegsterben, ist in der Ordnung des Herzens ein Skandal (E. Drewermann). Das höchste Glück des Lebens ist die Gewissheit, dass wir geliebt werden (V. Hugo).

 

13 Selbstmord ist nicht Mord, sondern Freitod als Notwehr und radikalster Rettungsversuch aus unerträglicher Enge.

 

14 Der Tod wird verdrängt: Tod, so etwas Absurdes, das passiert mir doch nicht!

 

15 Jedem graut vor dem Siechtum auf einer unruhigen Intensivstation. Doch allmählich geschieht auch in Deutschland ein Umdenken: Palliatives Handeln tritt hervor.

 

16 Im vegetativen Status stirbt man nicht, sondern man wird gestorben! Sinnvolle Lebensverlängerung oder qualvolle Sterbensverzögerung? Wenn trotz Ausschöpfung palliativer Mittel der Mensch leidet, Genesung völlig ausgeschlossen ist und er sterben will, dann darf und soll man ihm dazu helfen.

 

17 So sollte man nicht mehr schimpfen müssen: Und wenn sie nicht gestorben sind, krepieren sie noch heute.

 

18 Palliativ kommt aus dem Lateinischen und heißt Mantel. Es geht nicht mehr um das Heilen, sondern um das Sorgen. Palliativmedizin ist der größte echte medizinische Fortschritt seit dem Zweiten Weltkrieg. In der BRD liegt sie noch sehr im Argen.

 

19 Ärzte sollen die Lebensflamme am Brennen halten, nicht die Asche am Glimmen! (H. Jonas)

 

20 Die Annäherung an den Tod ist ein sehr intensives und intimes Geschehen. Die Zeit des Sterbens hat ihren eigenen Wert.

 

21 Wer wirklich gelebt hat, kann gut sterben, eben lebenssatt.

 

22 Wer merkt, dass er dement wird, ist es noch nicht. Es reicht nicht zu sterben. Es gilt rechtzeitig zu sterben (J. P. Sartre). Ich will als reife Frucht sterben, nicht als völlig verfaulte (K. P.).

 

23 Präfinal lockert sich die Seele und schwingt zwischen Diesseits und Jenseits. Östliches Denken spricht von einer Silberschnur, die Körper und Seele verbindet und die allmählich durchtrennt wird. Das Leben der Nahtoten hing am seidenen Faden.

 

24 Die Säulen der Hospiz-Arbeit: Palliativmedizin, Palliativpflege, psychosoziale Begleitung, spirituelle Begleitung. Das Hospiz gilt zu Recht als guter Ort zum Sterben. Im Hospiz wird gestorben, aber sehr lebendig.

 

25 Deutschland sollte seine Palliativ-Betten mindestens verdoppeln (Intensiv-Bett kostet täglich 6 mal so viel wie ein Palliativ-Bett).

Die Atmosphäre in einem Hospiz ist ruhig, friedlich, feierlich. Die ausschließliche Assoziation von Trauer und Tränen ist falsch. Hier herrscht keine Apparate-Medizin: Statt Infusionsschläuche Blumen. Statt Herzton-„Gepiepse“ friedvolle Musik.

 

26 Im tiefsten Innern wissen wir, dass Leben und Tod zwei gegensätzliche, aber doch komplementäre Bewegungen ein und derselben Wirklichkeit sind (O. Paz).

Das praktische Problem des Freitodes: Wer noch so fit ist, dass er sich selbst töten könnte, ist noch so fit, dass er weiterleben kann. Irgendwann aber sind alle Organe so insuffizient, dass man es auch nicht mehr auf die Reihe kriegt, sich zu töten. (Demenz: Wo hab´ ich bloß meine Gnadenpille versteckt?) 80 % der Deutschen sind für aktive Sterbehilfe.

 

27 Solche Todesanzeigen sollte es nicht mehr geben: Durch inhumane Sterbensverlängerung, um jede Lebensqualität und Würde gebracht, entschlief nach zehnjährigem Leidensweg unser geliebter Vater. In ohnmächtiger Verzweiflung und endlicher Erlösung – die Hinterbliebenen.

 

28 Den Arzt, der mich ab 80 reanimiert, haue ich windelweich, so dass er 10 Jahre Pflegestufe drei ist (K. P.).

 

29 Indianer gehen zum Sterben einfach in die Natur, Eskimo mit einer Flasche Rotwein ins Eis.

 

30 Luftnot kam mindestens so unangenehm sein wie chronischer Schmerz: Das Morphin-Pflaster hilft ausgezeichnet bei beidem. Bedenken wegen Suchtgefahr sind strunzdumm.

 

31 Ein anständiger Mensch lässt sich maximal ein Jahr pflegen, dann tritt er würdig und mutig ab, damit der Lebenspartner und die pflegenden Angehörigen noch etwas vom Leben haben.

 

32 Gutes Sterben ist einverstandenes Sterben. Die Kontroll-Typen haben große Mühe mit dem Loslassen, der Ergebung. Am Todestag hilft einigen, beim Ausatmen mit jedem schweren Atemzug jaaah zu stöhnen (wenn Morphin-Pflaster ausgegangen sind).

 

33 Sterben ist Ergebung in ein unbekanntes Du. Es ist eine spirituelle Beziehungserfahrung, auch wenn das Gegenüber der Beziehung sich jeder Benennung entzieht.

 

34 Der Tod hat Erschreckendes, aber auch Aufweckendes. Der Tod hält mich wach (J. Beuys). Das Bewusstsein der Endlichkeit und der Jenseitsglaube sind Lebensverstärker!

 

35 Ohne Tod bestünde auf der Erde ein arges Gedränge! Die große Idee des Todes dient einem Mehr an Leben! Einverstanden – wir sträuben uns ja auch nur gegen den Gedanken des totalen Aufhörens.

 

36 Das Totenhemd hat keine Taschen. Materielles kann man nicht mitnehmen. Daher stehen auf Friedhöfen niemals Möbelwagen. Wenn nach dem Tod noch etwas kommt und wir Seele und Identität behalten, dann lässt sich umso dringender folgern, dass die Persönlichkeitsentwicklung wertvoller als Besitz ist. Freundschaften sollten mehr gepflegt werden als Wertpapiere.

 

37 Tröstung des geliebten sterbenden Partners: Ich komme bald nach, gehe nun vor und mache mir Quartier!

 

38 Die Nahtoderfahrungen zählen zu den sehr starken Indizien für eine postmortale Existenz. Nur Indizien – die Nahtoten waren nicht mausetot, denn sie wurden ja zurückgeholt. Mittlerweile scheint es erwiesen, dass das Bewusstsein (Seele) unabhängig vom Gehirn funktionieren kann.

 

39 Verstorbene zeigen oft ein verklärtes Gesicht, was mehr als entspannte Gesichtszüge sind. Dieses seltsame Lächeln auf den Gesichtern der Toten kann zu denken geben.

 

40 Hohes Alter: Erinnerung und Wehmut: Es ist gut, wenn uns die verrinnende Zeit nicht als etwas erscheint, das uns verbraucht, sondern als etwas, das uns vollendet (A. de Saint-Exupéry). Dankbarkeit ist viel besser als trauern, dass alles vorbei ist. Die Dankbarkeit verwandelt die Qual der Erinnerung in eine stille Freude. Man trägt das vergangene Schöne nicht wie einen Stachel, sondern wie ein kostbares Geschenk in sich (D. Bonhoeffer).

 

41 Das euphorische Gefühl der Nahtoderlebnisse ist wesentlich mehr als ein biochemischer Amoklauf des limbischen Systems.

 

42 Durch das Wissen, dass das Leben endlich ist, bekommt es Kostbarkeit, Schärfe, Farbe, Qualität, Bestimmung. Das Leben ist zu kurz, doch es wäre schrecklich, wenn es zu lang wäre (P. Ustinov).

 

43 Das jenseitige Licht bei einer NTE muss die Wucht sein: Sie werden total gefüllt mit der größten, unbeschreiblichsten, bedingungslosesten Liebe, die sie sich überhaupt nicht vorstellen können (Kübler Ross).

 

44 Tod, wo ist dein Stachel? In Afrika wird getrommelt und getanzt. In Mexiko wird er angelacht. Woher kommt der Totentanz?

 

45 Wenn Gott es schafft, einfach so aus sich selbst zu existieren und den gewaltigen Kosmos gebären kann, dann sind ihm noch ganz andere Unfassbarkeiten zuzutrauen (K. P.).

 

46 Sterben = wie Geburt plus Metamorphose. Betrachte den Tod als Heimkehr (Konfuzius).

 

47 Das ist mit früh abgebrochenen Entwicklungen, z. B. Kindstod? Bibel: Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen. Also keine Gruft! In Wohnungen wird gelebt.

 

48 Ewiges Leben ohne Gott? Was sollten wir allein im Jenseits herumhängen?

 

49 Wenn Intensivmediziner über 90-jährige reanimieren, rebellieren sie unbewusst gegen die eigene Vergänglichkeit. Angemessener wäre: Jeder Arzt darf ohne Scham den Moribunden sterben lassen und sogar bei großem Leiden beim Sterben helfen. Zum ärztlichen Auftrag gehört also auch der gute, friedliche Tod.

 

50 Wenn es dir präfinal lausig geht, tröste dich mit den Worten: Hauptsache, der Herrgott ist gesund!

 

51 Diesseits und Jenseits haben beide Sinn, wobei sich beide gegenseitig nicht nur ergänzen, sondern steigern (K. P.).

 

52 Wieso steckt unser Geist überhaupt in einem Körper? Der Körper ist die Tastatur des Geistes (M. Zundel). Der Körper ist der Übersetzer der Seele ins Sichtbare (C. Morgenstern).

 

53 Er hatte viel über das Sterben nachgedacht. Schließlich war er in der Theorie derart beschlagen, dass er hoffte, sich die Praxis ersparen zu können.

 

54 In den Niederlanden und Belgien ist aktive Sterbehilfe straffrei. Seit auch die Palliativmedizin sich dort sehr verbessert hat, sind die Zahlen des Freitods interessanterweise rückläufig. Viele haben die Gnadenpille nur zur Sicherheit und Kontrolle zuhause in der Schublade.

 

55 Der Hippokrates-Eid gilt als überholt: Seit 2002 ist eher relevant die Charta zur ärztlichen Berufsethik: Der Patientenwille hat Vorrang vor Lebensverlängerung um jeden Preis. Folgerichtig haben Patientenverfügungen Vorrang und sind rechtlich verbindlich (seit 3/03). Riesenproblem: Im PVS = Persistierender vegetativer Status ist man auf Hilfe angewiesen.

 

56 Neuer Trend Sterbefasten: Nach ca. 10 Tagen gelangt der Moribunde in einen Dämmerzustand, der oft auch euphorisch gefärbt ist. Das Ende (Übergang) kommt nach 2 Wochen, zähe Hunde brauchen länger. Voraussetzung: Künstliche Ernährung (auch PEG) muss durch Patientenverfügung ausgeschlossen sein. Im PVS ist die Ernährungssonde indirekte Folter, sonst nichts.

 

57 Es ist wenig weise, wenn Ärzte den Tod als narzisstische Kränkung erleben. Tod ist kein biologischer Unfall, sondern evolutiv nötig und Gott gewollt.

 

58 Das Leben darf man sich nicht nehmen (das ist von Gott), aber das Leiden doch wohl (das will Gott nicht, wenn er uns liebt). Warum sollten wir die von Gott geschenkte Freiheit nicht nutzen dürfen, wenn wir nach souveräner, reichlicher Überlegung die Tür des Lebens leise schließen wollen und uns so in Würde verabschieden? (K. P.).

 

59 Statt Schöpfungsmythen eine moderne Welterklärung: Warum Diesseits UND Jenseits? Wenn wir Gott deutlich sähen, wären wir Marionetten. Gott, der die Liebe ist und sich nach Gegenliebe sehnt, will aber freie Wesen (Liebe ist ein Kind der Freiheit) und nicht Knechte. Also muss er seine Allmacht verbergen: Sein Schleier ist das Diesseits. Gott selbst hält sich im umgreifenden Jenseits verborgen.  (Nein, es ist viel komplizierter: Das Göttliche ist eine Art Fluidum im Tatsachen-Gefüge. Es funkt im Diesseits dazwischen, aber unerkennbar  als Schicksal, vielleicht auch als Gewissensstimme, die am innersten Punkt des Seelenkerns leise flüstert.)   Die Evolution des Diesseits funktioniert von allein – keine klaren Spuren eines Überweltlichen. Gott wusste, wenn er geistbegabte Seelen an sterbliche Körper koppelt, würden die Wesen beim Gedanken an ihren Tod in die Versuchung kommen, zu transzendieren. Wir sollen uns begrenzt fühlen, damit wir nach Unbegrenztem Ausschau halten. Sehr geschickt eingefädelt: Gott zwingt nicht, er lockt, indem er uns Sehnsucht einpflanzt. Wenn ein Geliebter stirbt, bricht sie aus. Der Tod wird nicht verstanden als Ausgrenzung, sondern als Kontaktlinie zu dem, was dahinter ist. Die Verflochtenheit von Körper und Seele ist demnach die geeignetste Weise, dass der Mensch nach Gott sucht, ohne dazu gezwungen zu sein.

 

60 Ewiges Leben ist kein Zeit-, sondern ein Qualitätsbegriff. smile Die Ewigkeit ist recht lang, besonders zum Ende hin (W. Allen).

 

61 smile Zwei Männer im Altersheim: Du hast ja ein Zäpfchen im Ohr! – Danke für den Tipp, jetzt weiß ich endlich, wo mein Hörgerät ist!

 

62 smile Deutschland ist bald das älteste Volk der Welt. Da die Pflege nicht mehr bezahlbar ist, wird zum sozialverträglichen Frühableben Folgendes empfohlen: Ab einem Alter von 80 Jahren darf man bei Rot über die Ampel gehen, ab 85 muss man dies. Wir werden Wurmnahrung, das ist gut für die Angler!

 

63 smile Verdrängung: Die meisten wollen am liebsten im Schlaf oder im Beischlaf sterben: Oh Gott – ich komme!

 

64  smile Das Leben hört nicht auf komisch zu sein, wenn wir sterben (G. B. Shaw).

Sterbemethoden nach Beruf:

Der Koch gibt den Löffel ab.

Der Taucher geht zugrunde.

Der Bauer macht sich vom Acker.

Der Vegetarier fällt vom Fleisch.

Der Zahnarzt hinterlässt eine schmerzliche Lücke.

Der Gärtner beißt ins Gras.

Der Maurer springt nicht mehr von der Schippe.

Der Elektriker wird vom Schlag getroffen.

Der Pfarrer segnet das Zeitliche.

Der Lokführer liegt in den letzten Zügen.

Der Beamte entschläft.

Der Religiöse muss dran glauben.

Der Chirurg springt über die Klinge.

Der Mechaniker schmiert ab.

Der Frauenarzt scheidet dahin.

Der Rabbi geht über den Jordan.

Der Eremit wird Heim gerufen.

Der Spanner ist endgültig weg vom Fenster.

Der Augenarzt schließt für immer die Augen.

 

 

Jetzt wieder ernst:

 

65 Der Tod ist nicht der sadistisch grinsende Sensenmann,

sondern – wie im Märchen – der Gevatter Tod

oder der Bruder Tod.

 

66 Wenn es einen Sinn gibt, dann ist er vollständig

und bricht nicht plötzlich ab.

Der Tod ist der Umzug der Seele – und wohin geht sie?

Immer nach Hause. Lasst uns neugierig sein:

Im Tod geht der Vorhang richtig auf!

 

67 Sprechen wir ruhig über Tod und Sterben,

denn Demokrits Satz (s.1) ist richtig:

Wer vor dem Tod flieht, läuft ihm nach.

 

 

 

 

 

So long, bis zum nächsten Zyklus, der Pünder