Spinnen die Mystiker?

Eingabe – Zeitpunkt  Erster Zyklus: August 2022

 

Punkt 1 bis 5

 

 

 

Skulptur von Bernini: Mystische Erfahrung der Theresa v. Avila.

 

 

 

1

Relevanz und Kernthesen

 

◙ Relevanz: Gering für einen selbst,

da das Phänomen sehr selten ist.

Andererseits hochrelevant, da es um alles geht.

 

◙ Kernthesen: s. 2!

 

 

 

 

 

2

Mystik-Essay

 

Phänomen

Leider ist Mystik noch stark von Vorurteilen belastet.

Für Skeptiker ist dieses Thema ziemlich weit weg.

Mystik meint eine außergewöhnliche, emotional-ganzheitliche

Form religiöser Erfahrung, die unsere gängigen

Verstehens-Kategorien sprengt. Sie wird in sämtlichen

Epochen und Kulturen überliefert, ist aber selten.

(Ich selbst zähle nicht zu den Privilegierten.)

Ich behaupte, das Phänomen ist real und kein Quatsch.

Die Erfahrung gibt es in vielen Abstufungen in Abhängigkeit

einer gewissen mystischen Empfänglichkeit, die nicht jeder hat.

Wuchtige Vollerfahrungen sind selten.

Vorstufen religiöser Erfahrungen könnten Ganzheits- und

Sinnerfahrungen sein. Kleinere religiöse Erfahrungen glaubt

die Hälfte aller Menschen einmal im Leben erlebt zu haben.

(W. James: The varities of religious experience. 1902).

Im Grunde widerspricht es keinem Naturgesetz,

dass es eine Metaerfahrung gibt, die Intellekt und Sinne

kategorisch übersteigt. Es ist nur ungewohnt

und schwer einzuordnen. Die Voll-Erfahrung ist mehr

als eine graduelle Steigerung der Ganzheitserlebnisse.

Der Mystik – Kenner Sudbrack unterscheidet einen

Binnen - Transzendenz (machbare Bewusstseinserweiterung)

von einer Radikal - Transzendenz (ekstatische Begegnung

mit absolut Anderem). Nur bei Letzterer geschieht ein

Durchbruch nach „oben“. Die Kategorien Raum, Zeit,

Subjekt, Objekt gehen zeitweise verloren. Das damit

einhergehende Gefühl ist mit absolut nichts vergleichbar,

es scheint eine völlig eigenständige Kategorie zu sein.

Die meisten Mystiker beschreiben es als ein Gemisch

aus Furcht und Entzücken – freude-schlotternd,

eine bange Lust, „Verzückung“.

Das erinnert an R. Ottos Definition des Heiligen

als „tremendum et faszinosum“.

Die Intensität ist überwältigend, wuchtig, umhauend.

Es sei, als zerreiße ein Nebel. Absolut evidente Klarheit.

Ein Irrtum völlig ausgeschlossen.

Die Erfahrung spaltet das Leben in zwei Stücke: vorher, nachher.

 

 

Gehalt

Und was ist nun der Gehalt?

Auf diese Frage hin fangen alle Mystiker an zu „faseln“.

Die meisten standen anfangs unter dem Verdacht der Häresie

oder des Irreseins. Leider reizt gerade das Unsagbare zur Rede.

Die meisten Mystiker wählten paradoxe Formulierungen:

 

Leere und Fülle zugleich,

 

das Schweigen hinter dem Schweigen,

 

eine allen Glanz überstrahlende Dunkelheit,

 

Ferne und Nähe zugleich,

 

ein tonloser Ton, ein stilles Geschrei,

 

das Licht des Nichts,

 

eine sich entziehende Anwesenheit,

 

mitten in der Abwesenheit harrt in

unfassbarer Gestalt ein Wartendes.

 

man sei nicht einfach da, sondern im reinen Da.

 

Skeptikern kommt das etwas Da-Da vor:

Nun ja, was soll man davon halten?

Ich vermute, es ist mehr daran, viel mehr.

Wenn das Tao nicht verlacht würde, wäre es nicht das Tao.

Damit sind die Paradoxien aber noch nicht angegangen.

Folgende Anekdote ist erhellend:

Ein Schüler kam zu einem Zen-Meister und sagte:

Meister, du hast mir aufgetragen, leer zu werden.

Jetzt bin ich leer. Was hast du mir jetzt noch zu sagen?

Der Meister ergriff einen Stock,

schlug dem Schüler damit auf den Kopf und sagte:

Jetzt wirf diese Leere weg!

Die hier gemeinte absolute Leere meint das völlige

Wegfallen aller Gegenständlichkeit. Hier sind sämtliche

Gegensätze durchbrochen, auch der von leer und nicht-leer.

Es ist noch davor, völlig außerhalb,

man ist herausgetreten = ek-stare.

Man ist im absoluten Bewusstsein, im nackten Sein

vor allem konkret Daseienden, in der zaunlosen Wirklichkeit.

Wirkung der Mystik: Mystiker bestätigen,

dass sie durch ihre Erfahrung bessere,

gütigere Menschen wurden.

Das ist zwar kein Beweis für einen

erhabenen letzten Grund, aber ein Indiz.

 

 

Würdigung

Mystik ist der transkonfessionelle,

glühende Kern sämtlicher Religionen.

Im Grunde sind Religionen der sekundäre Niederschlag

ursprünglich heftiger mystischer Erfahrung der Religionsstifter.

Solche Erfahrungen sind bedeutsamer für den

Glauben als theoretische Gotteslehre.

Mit Recht wird folgender Satz von K. Rahner oft zitiert:

Der Fromme der Zukunft wird ein Mystiker sein, einer,

der etwas erfahren hat, oder er wird nicht mehr sein.

Man sollte religiöse Erfahrungen viel ernster nehmen.

Sie sind so wichtig, dass die Religionen sie nicht mehr

wie ein im Stich gelassenes Waisenkind in der

Landschaft stehen lassen dürften. Drogeninduzierte religiöse

Erfahrungen sind kein hinreichender Grund,

das Phänomen der Mystik insgesamt abzuwerten.

Im Grunde erhält Mystik als ewig junger Herzschlag

jeder Religion deren vulkanisches Wesen.

Theologie sollte nicht bloß kalte Lava untersuchen,

sondern in den Schlot steigen! Religionen sollten

die Glut immer wieder zum Feuer entfachen.

Mystiker brauchen keine Institution, weil sie unmittelbar

Zugang zur Göttlichkeit haben.

Wenn man sie nach ihrer Religion fragt,

schauen sie wie ein Fragezeichen.

Wer Gott liebt, hat keine Religion außer Gott (Rumi).

Da echte Mystik überkonfessionell ist, wirkt sie innerhalb

ihrer Religion suspekt und subversiv und grausigerweise

sind viele Mystiker auf dem Scheiterhaufen gelandet.

 

 

 

 

3

Exstase und Evidenz

Teresa von Avila

 

 

Es begegnete mir, dass mich plötzlich

ein Gefühl der Gegenwart Gottes überkam,

sodass ich ganz und gar nicht zweifeln konnte,

Er sei in mir oder ich sei ganz in Ihn versenkt.

 

Dadurch wird die Seele so in Staunen versetzt,

dass sie ganz außer sich zu sein scheint.

 

Der Wille liebt, das Gedächtnis scheint mir beinahe verloren,

der Verstand denkt, wie mir scheint, nicht nach,

verliert sich aber auch nicht, sondern ist, wie gesagt,

nur untätig und vor Staunen hingerissen.

 

 

 

 

 

4

Tatjana Goritschewa

Mystik bei Atheisten

Ein Autor fasst ihre Biographie zusammen

 

Tatjana Goritschewa, eine atheistisch erzogene Technikerin

und Philosophiedozentin in Leningrad,

die die erste Frauenbewegung in der Sowjetunion

mitbegründet und bis zu ihrer Ausweisung 1980 unterstützt hat,

fand sozusagen auf dem Weg von Marx über Sartre

zum Yoga und schließlich zu einer christlichen Religiosität.

 

Das kam so:

Als Heranwachsende hat sie offensichtlich weder zu ihren Eltern

noch zum eigenen Leben Liebe entwickeln können.

Die Schulbildung und ihr Einsatz als Leiterin einer

kommunistischen Jugendgruppe hatten nur ihren

intellektuellen Ehrgeiz geweckt. Als Studentin schöpfte

sie aus der Lektüre von Nietzsche, Sartre, Camus

und Heidegger Kraft gegen den Anpassungsdruck

des staatlich verordneten Marxismus.

Wie ihre Freunde in den Diskussionszirkeln der

jungen Intelligentsia wollte sie nun ein starker Mensch werden,

der sein Leben frei bestimmt und dessen Sinnlosigkeit aushält.

In Wirklichkeit konnte sie die innere Leere,

ihren intellektuellen Hochmut und die Unfähigkeit,

jemanden zu lieben, nicht ertragen. Sie floh in den Alkohol

und in den Aktionismus. Wir betranken uns in Kellern

und auf Dachböden. Manchmal brachen wir eine Wohnung auf,

nur um reinzugehen, eine Tasse Kaffee zu trinken

und wieder zu verschwinden. Ein ausschweifendes

sexuelles Leben, mehrere unglückliche Ehen und

Abtreibungen machten sie nur noch ratloser.

Wie Jahresringe wuchsen Wände aus Eis um

mein eigentliches Ich: Ironie, Selbstzufriedenheit,

Snobismus, ein Gefühl der Gleichgültigkeit.

Ein erster Schritt zu einem neuen Leben war für sie die

Hinwendung zu östlicher Philosophie und vor allem zum Yoga.

Die Yoga-Übungen halfen ihr, nicht mehr ausschließlich

aus dem bewussten Denken, sondern auch aus

bisher verdrängten Kräften des Gefühls zu leben

und sich besser kennenzulernen. Sie entdeckte darin

auch religiös gefärbte Gemütszustände – wahrscheinlich

Gefühle der Versunkenheit und Allverbundenheit.

Doch suchte sie in ihnen nur einen Weg zur Selbststeigerung,

ohne Begegnung, ohne Liebe. Ihre Leere überwand sie,

als sie während einer sogenannten Mantra-Übung

das christliche Vaterunser entdeckte. Bei Mantra-Übungen

wiederholt man still und in Abstimmung mit dem

Ein- und Ausatmen die gleiche Lautverbindung,

sodass sich die Aufmerksamkeit von den äußeren Reizen

weg auf die innere Wahrnehmung der eigenen

Gefühle und Gedanken verlagert. Man muss wissen,

dass ich bis zu diesem Augenblick noch nie ein Gebet

gesprochen hatte und auch kein einziges Gebet kannte.

Aber da wurde in einem Yogabuch ein christliches Gebet,

und zwar das Vaterunser als Übung vorgeschlagen.

Ich begann, es als Mantra vor mich hinzusagen,

ausdruckslos und automatisch. Ich sprach es so etwa sechsmal,

und dann wurde ich plötzlich vollständig umgekrempelt.

Ich begriff – nicht etwa mit meinem lächerlichen Verstand,

sondern mit meinem ganzen Wesen –, dass Er existiert.

Er, der lebendige, persönliche Gott, der mich und

alle Kreatur liebt, der die Welt geschaffen hat,

der aus Liebe Mensch wurde, der gekreuzigte und

auferstandene Gott! ... Das war die wirkliche,

die echte Rettung!

In diesem Augenblick veränderte sich alles in mir.

Fr. Goritschewa erlebte sich, die Mitmenschen

und die Natur in einer für sie neuen positiven Bedeutung:

Ich fing an, die Menschen liebzuhaben.

Ich konnte ihr Leiden verstehen und auch ihre

hohe Bestimmung, ihre Gottesebenbildlichkeit.

Ihr Hochmut schwand und machte dem Verlangen Platz,

Gutes zu tun und den Menschen und Gott zu dienen.

Früher lebte ich, wie viele andere auch, aus der Gier

nach Wissen, Fähigkeiten, Büchern und Freunden.

Ich hatte immer Angst, Zeit zu verlieren.

Aber sie verging teuflisch schnell, jagte dahin wie

eine verrückt gewordene Lokomotive ...

Da geschah meine Bekehrung: Ich fühle mich so wie einst

in den schönsten Augenblicken der Kindheit.

Die Seele ist rein geworden, sie wurde arglos und offen,

sie konnte wieder staunen und hat ihren Panzer abgeworfen.

Die Welt blickt mich auf neue Weise an, ganz unmittelbar,

sie verwundet und sie macht froh. Welche Freude

und welch helles Licht war da in meinem Herzen?

Aber nicht nur in meinem Inneren, nein, die ganze Welt,

jeder Stein, jede Staude waren von einem

sanften Leuchten überzogen. Die Welt wurde für mich

zum königlichen, hohepriesterlichen Gewand des Herrn.

Wie hatte ich das nur früher übersehen können?

 

 (Bemerkung: Sind mystische Erlebnisse bei Atheisten nicht besonders überzeugend? Worte belegen wenig, in heutigen Zeiten von Fake News noch weniger, Taten aber und veränderter Lebenswandel wirken überzeugend.)

 

 

 

 

 

 

5

Sprüche

 

Die Natur verbirgt Gott! Aber nicht jedem! (J. W. v. Goethe).

 

Mystik ist die Urmutter der Religion, die Urmutter der Kultur (O. Spann).

 

Ich glaube, dass es das Schicksal des Abendlandes ist, diese beiden Grundhaltungen, die kritisch rationale, verstehen wollende auf der einen Seite und die mystisch irrationale, das erlösende Einheitserlebnis suchende auf der anderen Seite, immer wieder in Verbindung miteinander zu bringen (W. Pauli).

 

Ihr sollt sein wie ein Fenster, durch das Gottes Güte in die Welt hineinleuchten kann (Edith Stein).

 

Sowohl der Physiker als auch der Mystiker wollen ihr Wissen mitteilen, und tun sie dies mit Worten, so sind ihre Aussagen paradox und voll von logischen Widersprüchen. Diese Paradoxa sind charakteristisch für alle mystischen Aussagen von Heraklit bis Castaneda… (F. Capra).

 

Wenn das Tao nicht verlacht würde, wäre es nicht das Tao.

 

Der Fromme der Zukunft wird ein Mystiker sein, einer, der etwas erfahren hat, oder er wird nicht mehr sein. (K. Rahner).

 

Das Auge, mit dem ich Gott sehe, ist dasselbe Auge, mit dem Gott mich sieht (Meister Eckhart).

 

Das mystische Ich ist die Erweiterung des mir persönlich zugeordneten offenen Ichs, es ist etwas Pulsierendes, das aufblüht und sich wieder zusammenfaltet. In ihm sind wir durchlässig, wir sind mehr die Empfangenden (H.-P. Duerr).

 

Das Universum ist mehr als die Summe seiner materiellen Teile – die Quantenphysik entdeckt wieder, was die Mystik aller Zeiten immer behauptet hat: Die integrale Rolle des Bewusstseins im sogenannten physikalischen Universum (E. Sens).

 

Das von Sehnsucht erfüllte Herz findet seinen höchsten Frieden, indem es sich mit dem Herzen der Schöpfung vereint (D. Chopra).

 

Der Durchbruch zum göttlichen Licht vollzieht sich meistens in Augenblicken, außerhalb der Meditationszeiten und stets dann, wenn er nicht erwartet wird. Manch einer wird das Erleuchtungserlebnis zum Beispiel ganz plötzlich und unverhofft während dem ruhigen Verweilen in der Natur zuteil. Gerade in dem Augenblick, wo wir entspannt loslassen oder besser – selbst Loslassen geworden sind - wird uns alles geschenkt (W. Kopp).

 

Was zählt, ist nicht die Häufigkeit oder Intensität mystischer Erfahrungen, sondern der Einfluss, den wir ihnen auf unser Leben einräumen (D. Steindl-Rast).

 

 

 

 

So long, bis zum nächsten Zyklus, der Pünder.