Musterspezifische Kurztexte

 

Für Enneagramm-Fortgeschrittene

 

Die Kurztexte kitzeln den wunden Punkt

des jeweiligen Musters:

 

 

 

 

Muster 8

 

Der gerechte Niedermacher

(aus dem Kompendium von W. Reifarth)

 

Ein Mensch, der dafür bekannt war, dass er andere auf recht

unerträgliche Weise kritisierte, kam eines Tages zu einem Lehrer.

Ich habe es mir zur Lebensaufgabe gemacht,

gegen all die anzugehen, deren Überzeugungen unwahr sind,

und all die zu bekämpfen, die Irrtümer predigen, erklärte er.

Und mir gelingt es meist, sie dahin zu bringen, dass sie um

Gnade bitten, derart ist die Kraft meiner gerechten Angriffe.

Der Lehrer entgegnete: Hast du dich an ihre Stelle versetzt,

bevor du es tatest? Ja natürlich, erwiderte der Mann.

Ich habe es getan, damit ich sie noch besser angreifen konnte

und mir auch ihre Schwächen klarer wurden.

Da fing der Lehrer an, ihn wüst zu beschimpfen.

Er schrie und zürnte und belegte den glücklosen Menschen

(den „Niedermacher“) mit allen schrecklichen Bezeichnungen

unter der Sonne. Dieser war dem Zusammenbruch nahe

und flehte seinen Lehrer an damit aufzuhören.

Der Lehrer sagte ihm: Ich tat das alles, damit du wirklich

fühlen konntest, was deine Widersacher fühlen,

wenn sie von dir angegriffen werden.

Du sagst, du hättest dich an ihre Stelle versetzt.

Aber ich merke, wenn ich dich an deren Stelle setze,

dass du es dann endlich auch fühlst.

 

(Short repeat: 8 hat Angst davor, den "Dominanz-Panzer" abzulegen, weil sie unbewusst und übertrieben befürchtet,

wieder wie früher ohnmächtig zu unterliegen. Dennoch lohnt sich das Gegen-den-Strich-Bürsten: Sonst einsamer Wolf.)

 

 

 

 

 

 

Muster 9

 

Du hast recht

 

Eine Frau kam zum Rabbi und beklagte sich über ihren Mann.

Der Rabbi hörte zu und sagte: Du hast recht.

Die Frau ging heim und berichtete dem Mann:

Der Rabbi hat gesagt, ich habe recht.

Am folgenden Tag ging der Mann zum Rabbi

und beklagte sich bei ihm über seine Frau.

Der Rabbi hörte zu und sagte: Du hast recht.

Der Mann ging heim und sagte zur Frau:

Der Rabbi hat gesagt, ich habe recht. Erbost ging daraufhin

die Frau erneut zum Rabbi zurück und sagte:

Erst sagst du mir, ich habe recht und dann sagst du

meinem Mann, er habe recht. Der Rabbi sagte: Du hast recht.

 

(Short repeat: 9 hat Angst davor, Eier in der Hose zu haben, weil sie unbewusst und übertrieben befürchtet,

dass die Harmonie gestört wird und Konflikte drohen. Dennoch lohnt sich das Gegen-den-Strich-Bürsten:

Wer wahren - und nicht faulen - Frieden will, darf den Konflikt nicht fürchten.)

 

 

 

 

 

 

Muster 1

 

Blätter fegen

 

Einst bat ein Meister seinen Schüler, die Wege im Garten

von den herabgefallenen Blättern freizukehren.

Als der Schüler schließlich seine Arbeit beendet hatte,

sagte er zum Meister: Seht, Meister, jetzt bin ich fertig – kein

einziges Blatt liegt mehr auf dem Weg! Jetzt ist es vollkommen.

Darauf ging der Meister zu einem der Bäume,

rüttelte an einem Ast, sodass ein paar Blätter

auf den Weg fielen, und erwiderte:

Jetzt mein Schüler ist es vollkommen. Jetzt bist du fertig.

 

(Short repeat: 1 hat Angst auch vor kleinsten Fehlern, weil der innere Antreiber absolute Perfektion als Daseinsberechtigung verlangt.

Dennoch lohnt sich das Gegen-den-Strich-Bürsten: Statt Vollkommenheit möge geschmeidige Verbesserung genügen – viel üben.)

 

 

 

 

 

 

Muster 2

 

Schale der Liebe

(Bernhard von Clairvaux)

 

Wenn du vernünftig bist, erweise dich als Schale,

nicht als Kanal, der fast gleichzeitig empfängt und weitergibt,

während die Schale wartet, bis sie gefüllt ist.

Auf diese Weise gibt sie das, was bei ihr überfließt,

ohne eigenen Schaden weiter. Lerne auch du,

nur aus der Fülle auszugießen, und habe nicht den Wunsch,

freigiebiger als Gott zu sein. Die Schale ahmt die Quelle nach:

Erst wenn sie mit Wasser gesättigt ist, strömt sie zum Fluss.

Du tue das gleiche! Zuerst anfüllen und dann ausgießen.

Die gütige und kluge Liebe ist gewohnt überzuströmen, nicht auszuströmen.

Ich möchte nicht reich werden, wenn du dabei leer wirst.

Wenn du nämlich mit dir selber schlecht umgehst, wem bist du dann gut?

Wenn du kannst, hilf mir aus deiner Fülle! Wenn nicht, schone dich.

 

(Short repeat: 2 hat Angst davor, eigene Bedürfnisse zu pflegen, weil sie unbewusst und übertrieben befürchtet,

als egoistisch zu gelten und dadurch die Liebe der anderen zu verlieren. Dennoch lohnt sich das Gegen-den-Strich-Bürsten,

denn die 2 verfehlt ihren Eigensinn, wenn sie sich ausschließlich vom rückströmenden Dank der anderen nährt.)

 

 

 

 

 

 

Muster 3

 

Gott oder Golf

(jüdischer Witz)

 

Der Rabbiner von Chicago ist ein passionierter Golfspieler.

Leider regnet es die ganze Woche ununterbrochen,

und so kann er seiner Leidenschaft nicht nachgehen.

Doch dann ist an einem Sommermorgen wunderschönes Wetter.

Da das Golf spielen am Sabbat aber eigentlich verboten ist,

streckt der Rabbiner in einer verzwickte Lage und stellt sich die Frage:

Gott oder Golf? Erneut schaut er aus dem Fenster: Der Rasen glänzt

und es weht kein Wind – einfach perfektes Golfwetter.

Fünf Minuten später steht er auf dem Platz, natürlich getarnt,

und zielt auf das Loch. Im Himmel rennt Jesus zu Gott

und fragt ihn: Allmächtiger! Siehst du das? Das darf er doch nicht!

Du musst ihn bestrafen!  – Keine Sorge, Jesus,

er wird seine Bestrafung erhalten.

Der Rabbiner nimmt Schwung und ihm gelingt ein Hole-in-one.

Jesus ist entsetzt: Gott hast du das gesehen!

Wo liegt da die Bestrafung?

Gott antwortete: Und wem soll er denn das jetzt erzählen?

 

(Short repeat: 3 hat Angst davor, Brillanz sausen zu lassen, weil Imageverlust unbewusst und übertrieben

als existentieller Liebesverlust empfunden wird. Dennoch lohnt sich das Gegen-den-Strich-Bürsten:

Aufrichtiges authentisches Sein ist wertvoller als jede Glanz-Fassade.)

 

 

 

 

 

 

Muster 4

 

Der Hundeknochen

 

Ein Hund mit einem Knochen im Maul schaut in einen Tümpel.

Es sieht sein Spiegelbild und ist sehr neidisch auf den Knochen,

den er für besser hält als seinen eigenen.

Er schnappt nach ihm, natürlich vergeblich,

und verliert dabei seinen Knochen. Er verliert alles.

 

(Short repeat: 4 hat ein schwaches SWG, sie vergleicht, neidet und jammert gerne. Sie hat Angst davor,

die Opferrolle, aus der sie auch Macht ziehen kann, zu verlassen. Dennoch lohnt sich das Gegen-den-Strich-Bürsten:

Nur mit einem entschlossenen Ja und einem Sich-zufrieden-Geben lässt sich das Leben erschließen.)

 

 

 

 

 

 

Muster 5

 

Der Tod am Brot allein

(D. Sölle)

 

Das ist eine Art Tod, so sieht die Hölle aus: Im Sand vergraben,

unfähig, die eigene Lage zu ändern, alleingelassen,

aber ohne Schmerzen, glückliche Tage, Sonnenaufgang

und Sonnenuntergang, das ist die Hölle…

das ist der Tod am Brot allein: Alleinsein und dann allein

gelassen werden wollen; keine Freunde haben und dann

den Menschen misstrauen und sie verachten;

die anderen vergessen und dann vergessen werden;

für niemanden da sein und von niemandem gebraucht werden;

um niemanden Angst haben und nicht wollen, dass einer

sich Sorgen um einen macht;

nicht mehr lachen und nicht mehr ausgelacht werden;

nicht mehr weinen und nicht mehr beweint werden:

Der schreckliche Tod am Brot allein.

 

(Short repeat: 5 hat Angst davor, den Rückzug aufzugeben und sich ins pralle Leben zu begeben,

weil sie unbewusst und übertrieben befürchtet, wieder wie früher emotional frustriert und überfordert zu werden.

Dennoch lohnt sich das Gegen-den-Strich-Bürsten: Sonst wird ihr Elfenbeinturm zum Mausoleum.)

 

 

 

 

 

 

Muster 6

 

Die Schattenwölfe

(E. Kübler-Ross: Mondschein-Märchen)

 

Dalan, der Abenteurer, wusste aus alten Legenden, dass die

Schattenwölfe eine Spur, die sie einmal gewittert hatten,

niemals wieder verloren. Gegen sie half keine Waffe –

sie hetzten ihre Opfer durch eine lautlose Jagd in den Tod.

Dalan lief so schnell er konnte, doch das Rudel der

Schattenwölfe rückte in großen Sätzen näher.

Lange würde er nicht mehr durchhalten können. Er strauchelte.

 Er stürzte hart auf einen Stein. Hilflos versuchte er,

seinen Kopf mit den Armen zu schützen.

Jeden Moment mussten die Schattenwölfe über ihn herfallen

und ihre Reißzähne in seinen Leib schlagen.

Er hielt den Atem an. Doch nichts geschah.

Vorsichtig richtete er sich ein wenig auf. Kaum drei Armlängen

von ihm entfernt saßen die Schattenwölfe und starrten ihn an.

Ihre schemenhaften Körper zitterten leicht.

Fast unmerklich kroch Dalan ein Stück weiter.

Die Wölfe kauerten sich zusammen und beobachteten ihn.

Dalan stand auf und ging – die Wölfe im Auge behaltend –

einige Schritte. Das Rudel erhob sich.

Mit einem Ruck drehte sich Dalan um und rannte los.

Bald waren die Schattenwölfe wieder dicht hinter ihm.

Dalan lief langsam. Die geifernden Wölfe kamen nicht näher.

Als Dalan vor sich einen Lichtschein sah, atmete er erleichtert auf.

Schattenwölfe scheuen das Licht, so viel wusste Dalan.

Ein kühler Lufthauch ließ ihn zurückschrecken.

Zögernd tastete er sich weiter, bis er merkte, dass der Höhlengang

abrupt abbrach. Lockend winkte ihm das warme Licht von der anderen Seite

des Spaltes. Als er nach unten sah, schüttelte sich Dalan entsetzt:

Wäre er in schnellem Lauf vor den Schattenwölfen geflüchtet,

läge er jetzt zerschmettert auf dem Grund dieser Höhle.

Die Wölfe lauerten dicht hinter ihm, kamen aber nicht näher.

Entschlossen ging Dalan einen Schritt auf sie zu.

Unruhig bewegten sich die mächtigen Köpfe.

Dalan ging weiter auf sie zu. Die Schattenwölfe drückten sich

aneinander. Dann drehten sie sich langsam um und schlichen,

die Körper flach an den Höhlenboden gepresst, davon.

Als Dalan ihnen mit festen Schritten nachsetzte,

flohen die Schattenwölfe in die Dunkelheit des Ganges.

 

(Short repeat: Face your fear and it will disappear! 6 wird die Angst nie ganz loswerden,

Hauptsache der Mut ist noch größer. Wie der Rheinländer sagt: Das Herz muss voller sein als die Hosen.)

 

 

 

 

 

Muster 7

 

Analyse der Genusssucht

 

Die Energien der 7er werden von der Genusssucht aufgezehrt:

Sie ist eine emotionale Gewohnheit, die Angst zu unterdrücken,

indem man sich auf das Angenehme konzentriert.

Die 7er suchen etwas Schönes nicht deshalb,

um es in seiner Tiefe auszukosten, sondern sie suchen sich

von den besten Dingen ein Häppchen heraus.

Das trifft auf alles zu: Ich habe es zum Beispiel gern,

wenn es bei einer Mahlzeit möglichst mehrere Speisen

und sehr unterschiedliche Geschmacksnoten gibt.

Ein anderes Beispiel: Alle meine Pläne, immer diese Faszination

für das, was sein könnte! Ich plane immer eine Unmenge

von Dingen, und immer das letzte, das mir kommt,

erscheint mir als das Faszinierendste, so lange,

bis es mir zu mühsam wird und ich ein neues Vorhaben finde.

Ja, ich glaube, letztlich ist mein Ziel,

möglichst viele Dinge zu erleben.

Oft kaschiert die Genusssucht nur die von den eigenen Gefühlen

hervorgerufene Angst. Daher wollen 7er rasch weitergehen,

um aus dieser Situation herauszukommen,

ehe sie sie ganz hautnah erleben müssen.

Wenn ich auf etwas wirklich Unangenehmes stoße,

finde ich sofort Möglichkeiten, meine Aufmerksamkeit davon

abzulenken, mich damit nicht mehr zu beschäftigen

und ihm zu entkommen. In einem Gefühl reglos zu verharren

oder darin steckenzubleiben, ist etwas, das mir Angst macht.

Ich relativierte es dann mit meinem Verstand und sage mir:

Was soll ich damit noch weiter anfangen? Ich habe es registriert

und kapiert, und jetzt gehe ich schnell zu etwas anderem über.

Wenn ein 7er von einer Erfahrung zur nächsten huscht

und sich angewöhnt, sich aus allem innerlich herauszuhalten,

kann ihn das trotz seines Charms unzugänglich werden lassen:

Die meiste Zeit bin ich gar nicht ganz da. Ich lebe in der Zukunft,

und das macht mir ziemlich viel Spaß. Warum sollte ich wollen,

in die Gegenwart zurückzukommen?

 

(Short repeat: 7 hat Angst davor, innezuhalten und Kontakt zu seelischen Tiefen zu suchen, weil sie unbewusst befürchtet,

dem möglicherweise auftauchenden Unangenehmen und Schmerzvollen nicht gewachsen zu sein. Dennoch lohnt sich das

Gegen-den-Strich-Bürsten: Tiefgang ist nur möglich, wenn man das Dunkle als realen Teil der Existenz annimmt.)