Persönlichkeitsentwicklung

 

Eingabe – Zeitpunkt  Erster Zyklus: August 2022

 

Punkt 1 bis 5

 

 

 

 

 

Der Mensch ist ein Meisterwerk im Entstehen.

Desmond Tutu

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1

Relevanz und Kernthesen

 

◙ Relevanz: Liegt auf der Hand: Wer will denn schon blöd

bleiben oder auf Wachstum und Wachheit verzichten?

Hier kommt manchmal der Einwand, dass die "Blöden" gar

nicht wissen, dass sie etwas zum Wachsen in sich tragen.

 

◙ Kernthesen: Persönlichkeits-Entwicklung ist eine der

grundsätzlichsten Strukturdominanten der conditio humana:

Mensch sein heißt Mensch werden. Ab 40 sollten wir nicht

mehr so oft auf uns selbst hereinfallen. Jeder entwickelt sich

automatisch emotional, sozial, kognitiv, kompetenzmäßig,

moralisch und spirituell. Das Leben ist der Haupt-Lehrmeister.

Die Frage ist, wie willig wir Lektionen annehmen. Jeder erlebt

was, aber einige merken es nicht. Sie bauen es nicht zu einer

bewussten Erfahrung um. Ist es nicht ein spannender Ansatz,

die eigene Persönlichkeit als etwas Sich-Entwickelndes zu

verstehen und sich in fröhlich-zuversichtlichem Anfängergeist

immer weiter emporzuirren?

Ein neuer Trend grassiert: Man will zu energisch wachsen

und verfällt einem Optimierungswahn.

 

 

 

 

2

Selbsterkenntnis

Aus seinem eigenen Brunnen trinken

Bernhard von Clairvaux (ca 1020)

(Abt, Mystiker, Kirchenlehrer, Verbreiter

des Zisterzienser-Ordens, ca 1020)

 

Fange damit an, dass du über dich selbst nachdenkst,

damit du dich nicht selbstvergessen nach Anderem ausstreckst.

Was nützt es dir, wenn du die ganze Welt

gewinnst und einzig dich verlierst?

Denn wärest du auch weise, so würde dir doch etwas zur

Weisheit fehlen, solange du dich nicht selbst in der Hand hast.

Wieviel dir fehlen würde? Meiner Ansicht nach alles.

Du könntest alle Geheimnisse kennen, du könntest die Weiten

der Erde kennen, die Höhen des Himmels, die Tiefen

des Meeres: Wenn du dich selbst nicht kennen würdest,

glichest du jemandem, der ein Gebäude ohne Fundament

aufrichtet; der eine Ruine, kein Bauwerk aufstellt.

Alles, was du außerhalb deiner selbst aufbaust, wird wie ein

Staubhaufen sein, der jedem Wind preisgegeben ist.

Keiner ist also weise, der nicht über sich selbst Bescheid weiß.

Ein Weiser muss zunächst in Weisheit sich selbst kennen

und als Erster aus seinem eigenen Brunnen Wasser trinken.

 

(Bemerkung: Obwohl die hohe Bedeutung der Selbsterkenntnis schon 1400 Jahre früher (delphischer Imperativ) angedeutet wurde, wiederholt der sehr eloquente Bernhard sie sehr schön. Sehr unerfreulich dagegen ist Bernhards Propagierung des heiligen, religiösen Krieges.)

 

 

 

 

3

Unsere tiefste Angst

Aus einer Rede von Nelson Mandela

nach einem Text von Marianne Williamson

 

 

Unsere tiefste Angst ist es nicht, ungenügend zu sein.

 

Unsere tiefste Angst ist,

dass wir über alle Maßen kraftvoll sind.

Es ist nicht unsere Dunkelheit, sondern unser Licht,

das wir am meisten fürchten.

 

Wir fragen uns, wer bin ich denn,

um von mir zu glauben, dass ich brillant,

großartig, begabt und einzigartig bin?

Aber genau darum geht es, warum solltest du es nicht sein?

 

Du bist ein Kind Gottes.

Dich klein zu machen, nützt der Welt nicht.

Es zeugt nicht von Erleuchtung, dich zurückzunehmen,

nur damit sich andere Menschen um dich herum

nicht verunsichert fühlen.

 

Wir alle sind aufgefordert, wie die Kinder zu strahlen.

Wir wurden geboren, um die Herrlichkeit Gottes,

die in uns liegt, auf die Welt zu bringen.

Sie ist nicht nur in einigen von uns, sie ist in JEDEM.

 

Und indem wir unser eigenes Licht scheinen lassen,

geben wir anderen Menschen unbewusst die Erlaubnis,

das Gleiche zu tun. Wenn wir von unserer eigenen Angst

befreit sind, befreit unser bloßes Dasein

automatisch die anderen.

 

  (Bemerkung: Sollten wir es wagen, so hoch von uns zu denken? Einigen kommt es wie Hybris vor. Das höchste Denken vom Menschen ist wohl das Narrativ von der Gottes-Ebenbildlichkeit in der biblischen Genesis. Formale Bemerkung: Von dem Text gibt es verschiedene Versionen.)

 

 

 

 

 

4

Persönlichkeits-Entwicklung - Plädoyer

K. P.

 

Dass zur Lebenskunst eine gelingende

Persönlichkeitsentwicklung (PE) gehört, ist im Mainstream

angekommen. Wie beginnt PE? Ganz früh im Trotzalter:

Das Kind entdeckt seinen Willen. Dann wieder besonders

in der Pubertät, die man psychisch als Geburt der Identität

auffassen kann. Man will nicht mehr nur Kind seiner Eltern sein,

sondern sein eigenes Wesen leben, sich selbst Gesetz sein.

Selbst-Gesetz heißt auf Griechisch Autonomie.

Mit dieser Autonomie hebt die PE an. Der analoge

kollektiv-politische Begriff ist Freiheit. Wird man automatisch

autonom und frei? Nein, es ist eine ziemlich zarte Pflanze,

die man erstmal finden und lange gießen muss. Viele lassen

sie brach liegen, weil die Pflanze auch Mühe macht:

Autonomie und Freiheit bedeuten Würde und Bürde.

Einerseits kann man sein einzigartiges Profil entfalten

(genetisch sind wir schon absolut einmalig!), andererseits

bedeutet es herausfallen aus dem bergenden,

beschützenden Kollektiv. Viele finden es bequemer,

sich anzupassen und im Schwarm mit zu schwimmen.

Wenn einen das aber doch nicht befriedigt, wenn man frustriert,

deprimiert und grantig wird, wenn man das Gefühl hat,

an seinem eigenen Leben vorbei zu leben oder gar nicht richtig

in seinem Leben vorzukommen, dann muss man etwas machen.

Das ist gar nicht mal so selten: Viele stellen erst im hohen

Alter fest, dass sie gar nicht ihr eigenes Leben gelebt haben:

Sie kamen einfach nicht zu den Dingen, die sie eigentlich

gerne tun wollten. Eigentlich bin ich ganz anders,

nur komme ich so selten dazu (Ö. v. Horvath).

Das klingt witzig, ist aber ziemlich traurig: Ist es nicht Verrat

am Selbst? Also: Wer seine Metamorphose zum gehobenen

Menschentum antreten will, dem sage ich mit H. Hesse,

der den Eigensinn besonders enthusiastisch lobte:

Herzlichen Glückwunsch, du bist zu Höherem geboren!

Und wie geht es weiter? Man stellt sich die biografisch

wichtigen Fragen: Was will ich eigentlich?

Mit zunehmender Konflikthäufung gesellt sich die Frage dazu:

Was sollte ich wollen? Empfindet man das alles klar

und deutlich? Nein, es ist eher wie ein Nebel, der sich lichtet.

Es ist wie ein Wachwerden. Präsenz und Achtsamkeit

nehmen zu. Was ist, wenn man zögert, was ja verständlich ist?

Wenn man also im Mittelfeld steht zwischen dem

Frei-sein-wollen und dem Lieber-nicht-frei-sein-wollen?

Soll man den Rat geben: Werde autonom und frei?

Nein, das bringt nichts. Es muss von innen kommen.

Man kann höchstens vorschlagen: Höre nach innen auf

deine Seele. Prüfe, ob da Flügel wachsen wollen.

Solange man noch nicht flügge und noch zu zahm ist,

kann man schon mal von der Freiheit singen:

Dann wachsen die Schwingen und irgendwann fliegt man.

Das Losfliegen ist nicht wie beim Steinadler:

Er hat keine Startbahn und muss sich die Steilwand

herunterstürzen. Autonomie und Freiheit entfalten sich

beim Menschen scheibchenweise: Theoretisch vollzieht es sich

in zwei Schritten, die aber auch parallel laufen können:

Freiheit von und Freiheit zu: Diese Unterscheidung ist sehr

brauchbar und lebensnah: Zunächst macht man sich frei

von negativen Hemmnissen, um dann frei zu sein

für etwas Positives. Frei von etwas zu sein, ist der erste

Teil der Freiheit, an dem besonders Heranwachsende

interessiert sind. Zwei Autonomie-Bremsen sind da zu beachten:

a) elterliche Dressur, b) gesellschaftliche Verblödungskräfte.

Die Freiheit zu etwas ist größer, erhabener.

Sie braucht Bewusstheit, Profil, Selbstdisziplin und Kreativität.

 

Fazit: Autonom und frei werden ist ein ambivalentes Geschehen.

Alle, die durchkamen, sagen in der Rückschau:

Geistige Freiheit musste mühsam errungen werden.

Es war eine schwere Geburt, aber ich will sie nicht missen.

Das Leben wird nicht leichter, aber lebendiger und intensiver.

Authentisches Leben ist entschiedenes Leben.

Sehr schön sagt es van Gogh: Die Normalität ist eine

gepflasterte Straße, man kann gut darauf gehen,

doch es wachsen keine Blumen auf ihr. Ich schließe mit

einem Zitat von S. Kierkegaard: Das große ist nicht,

dies oder das zu sein, sondern man selbst zu sein.

 

Plädoyer für Zögerliche

Was eigentlich hindert dich, deine heißen Wünsche

zu realisieren? Hast du Angst, aus der Reihe zu tanzen?

Pfeife auf die Gesetze des Rudels! Merkst du nicht,

wie du im warmen Mief der Herde verfaulst? Lass dich nicht

an die Leine der Langweiler legen. Lebe so, dass bei deinem

Begräbnis die Leute Geschichten über dich erzählen können.

Es kann sogar Spaß machen, sich von der Masse abzuheben

und befremdlich zu sein. Es ist erwiesen, dass Exzentrische

glücklicher, kreativer und gesünder sind. Sie leiden nicht darunter,

anders zu sein, sondern genießen es. Sei stolz auf deine

persönliche Duftnote. Es macht unbändigen Spaß,

eine gepflegte Meise zu haben. Die leicht verrückten Menschen

mit galoppierender Phantasie sind meist besser gelaunt als die

nur Ernsthaften. Lasse dich nicht verrückt machen.

Sei es! Folge deinem Stern, singe dein eigenes Lied!

 

 

 

 

 

5

Sprüche

 

◙ Je reicher, höher entwickelter, einheitlicher oder integrierter die Persönlichkeit, desto mehr ist sie dauerhaften Glücks fähig (Mc Dougall).

 

◙ Das eigene Wesen völlig zur Entfaltung zu bringen, das ist unsere Bestimmung (O. Wilde).

 

Was einer in sich ist und an sich selber hat, kurz die Persönlichkeit und deren Wert, ist das alleinige Unmittelbare zu seinem Glück und Wohlsein (A. Schopenhauer).

 

◙ Die Unbedingtheit, mit der die Forderung zur Persönlichkeit da ist und wirkt, duldet keine Entschuldigung durch irgendeine Lebenssituation (K. Graf Dürckheim).

 

◙ Das Große ist nicht, dies oder das zu sein, sondern man selbst zu sein (S. Kierkegaard).

 

◙ In jedem Menschen ist etwas Kostbares, das in keinem anderen ist (M. Buber).

 

◙ Einer von deiner Sorte ist genug (J. Paul).

 

◙ Jedes Wesen ist ein stummer Schrei danach, anderes gelesen zu werden (Simone Weil).

 

◙ Sich zu entscheiden, nicht mehr man selbst zu sein, führt zur tiefsten Form der Hoffnungslosigkeit (S. Kierkegaard).

 

◙ Wer nicht er selbst wird, hat nicht gelebt (T. Merton).

 

◙ Pessimismus: Hör´ auf, das Leben zu verneinen, sonst gibt es dir Grund dafür! Es ist kein Wunder, ein Haar in der Suppe zu finden, wenn man immer den Kopf schüttelt.

 

smile Was tut ein Neurotiker? Er geht umher und wartet darauf, beleidigt zu werden (P. Ustinov).

 

smile Beginne den Tag mit einem Lächeln, dann hast du es hinter dir!

 

smile Ich sage euch: Tanzt, tanzt! Vor allem aus der Reihe! (C. Mayr).

 

smile Die Steinzeitmenschen waren arme Socken: Sie wurden nur 35 Jahre alt. Da fielen also Pubertäts- und Midlifekrise zusammen.

 

 

 

 

So long, bis zum nächsten Zyklus, der Pünder